Mode Depesche #4 – In die Fashionwüste?

The latest issue of Cologne based fashion fanzine Mode Depesche was published in May (their website has an older issue for your viewing pleasure). I’ve written a column about my shopping adventures in Canada. Read the article after the jump.

My behind glamorized by Mariah and Pandy

In die Fashionwüste?

Ein Jahr Kanada. Schon vor der Abreise gibt es Unkenrufe aus der Heimat: Was? In die Fashionwüste? Nach Nordamerika? Bist du wirklich sicher?
Ich tue es lapidar ab. Die werden sich in Kanada nicht nur in Kartoffelsäcke wickeln.

Nachdem der Jetlag überwunden ist, gehe ich endlich in Toronto aus. In einer Clubdisco sehe ich einen jungen Mann, der in seiner androgynen Art, vom Stil leicht an einer butchen Lesbe angelehnt, ein Modefan sein könnte. Als ich nach Hause gehe, steht er am Ausgang und sieht, wie ich mich mit der Mauerjacke auf die Kälte vorbereite: “Is this Bernhard Willhelm?”. Ich jubele innerlich, ob der Freude, dass es Modefans in Toronto gibt. Bisher wurde die Jacke zwar bemerkt, aber nicht erkannt. Es stellt sich heraus, dass es sich um den Modedesigner Jeremy Laing handelt. Seine zweite Kollektion wird auf der New York Fashion Week präsentiert.

Ich google im Internet nach Boutiquen in Toronto. Ein Laden mit den jüngeren europäischen Designern scheint sich nicht um seine Internetseite zu kümmern, sie ist nicht erreichbar. Ich denke an das Schlimmste, mache mich jedoch auf den Weg durch die Stadt und stehe vor einem verlassenen Raum, “For Rent”.
Ansonsten gibt es ein großes Designerkaufhaus in Toronto, dass führt Margiela, Comme des Garçons, aber auch D&G und Dsquared2, die Zwillinge Dean and Dan Caten hinter dem Label sind schließlich gebürtige Kanadier.
Als ich Jeremy’s Mode in dem Kaufhaus entdecke, probiere ich sie heimlich an. Die Kleider sind elegant, charmant und haben Humor. Sie erinnern mich an Stephan Schneider und Veronique Branquinho. Begeistert bin ich von den Mänteln, Blusen und Röcken, die auf der Hinterseite eine Art Unterschlupf, abgespreizt vom Körper, haben. Wirklich sehr schön, aber wie immer passe ich in die kleinen Damengrößen nicht rein, die Reißverschlüsse und Knöpfe wollen nicht schließen. Thank you, I can get out of this myself. Thanks.

Dafür benutzte ich jedoch Jeremy’s Kennenlernspruch, als ich in einem Gay Striplokal einen Fashionfan sehe. Er trägt einen Pullover aus der grauen Bernhard Kollektion. Wir haben einen prächtigen Abend zusammen, schauen einem Amateurstripper mit offenen Mündern bei seinem fantastischen, Bierflaschen einbeziehenden, hyperschnellen Tanz zu. Bernhard builds bridges.

Meine neuen Freunde raten mir zu einem Shoppingtrip nach New York. Bevor ich meine Kurzreise starte, rufe ich in der Heimat an. Die neuen Sommerkollektionen sind eingetroffen: “Und dann gibt es noch diese Mütze mit Visier im Stars und Stripes Muster.”
Ich bin entsetzt: “Nein, dass geht ja gar nicht. Da rümpfen die Kanadier nur die Nase, wenn sie denken, ich könnte eine patriotische USA Bürgerin sein.”

Für die Reise nach New York werde ich kurz gebrieft: Just go to Seven, according to their website they are a progressive, multi-label, designer fashion boutique. Kaum gelandet, bin ich auf der Mercer Street. Man kann sich unter anderem Bless, Umbro by Kim Jones Sneaker, Jeremy Scott, Preen, Veronique Branquihno und Raf Simons holen. Der nette Besitzer erklärt mir, dass die heissen Shirts, Hosen und Röcke schon ausverkauft sind und dass es in dieser Metropole keine andere Boutique gibt, die Bernhards Männerkollektion verkauft. Na prima.
Ich bin verwirrt und ziellos, rede mir ein, es muss ohne Designer aus dem alten Europa gehen. Vielleicht sollte ich mich von Streetcouture inspirieren lassen. Ein Taxi chauffiert mich nach Brooklyn; Fulton Street hoch und runter. In einem Schaufenster sehe ich wunderbare Turnschuhe vorbeihuschen. Was war das? Customized sind die Schuhe, mit kleinen, funkelnden Dollarzeichen, Musiknoten, NY Symbolen oder ganz großartig mit unregelmäßigen, abstrakten Kritzelkreisen. Sofort zur Kasse, eingepackt, fertig.

Zurück in Toronto scheint keine Rettung in Sicht, als zwei Freundinnen aus Deutschland zu Besuch kommen. Sie wollen unbedingt in einem Prime Outlet Center shoppen, dass sich auf der US-amerikanischen Seite der Niagara Falls befindet. Dafür die Grenzkontrollschikanen auf sich nehmen? Ja aber logisch, insistieren die Gäste.
Also am Vormittag hurtig die Niagara Fälle abfotografiert, schnell über die Grenze, investigative Fragen beantwortet, dann endlich: Outlet Fun.
Meine Freundinnen begeistern sich für Luxus-Jeansmarken, die an mir vorbeigegangen sind: 7 for all Mankind, H – Citizens of Humanity, True Religion und Rock & Republic. Langsam beginne ich zu verstehen: Von R&R gibt es eine Victoria Beckham Edition: Strass-Krönchen auf dem Po und Wartelisten in Deutschland. Meine Freundinnen flippen aus und schlagen zu. Ihre Tüten sind prall gefüllt. Für mich bleibt nichts übrig, obwohl ich so gerne in Victoria’s Autobiographie “Learning To Fly” quergelesen habe.

My behind glamorized by Mariah and PandyStunden vergehen und ich fühle mich ausgegrenzt, meine Lieblingsdesigner werden nicht angeboten. Ich schlendere verzweifelt durch den Ralph Lauren Store und überlege, ob mich das dunkellila Poloshirt schlank macht. Nein, doch nicht.

Bedrücktes Weiterbummeln. Plötzlich entdecke ich einen Laden der Accessoire Marke Claire’s. Erst als ich den Schriftzug Claire’s dreimal wiederholt habe, erinnere ich mich. Mein Herz schlägt schneller mit jedem Schritt, mit dem ich dem Geschäft näher komme. Wie konnte ich nur vergessen, dass meine absolute Lieblingskünstlerin hier ihren Zauber ausgebreitet hat. Überglücklich kaufe ich eine funkelnde Halskette, die auch als schmaler Gürtel gewickelt werden kann. Natürlich aus der Linie “Glamorized by Mariah“.

Endlich entspannt gönne ich mir ein Eis. Drei riesige Kugeln in den umwerfenden Richtungen Turtle Soup, Baklava und New York Super Fudge Chunk.

Reichhaltige Schokoladensauce gleitet an den Eisbergen hinunter. Wo soll ich nur zuerst Lecken? Lieber löffeln. Meine Geschmacksknospen buchstabieren BLISS.

Sometimes, happiness is just around the corner of an outlet mall.
I got my education.

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