Bernadette La Hengst

Bernadette La Hengst habe ich 2002 beim Videodreh zu "Der beste Augenblick in deinem Leben, ist gerade eben jetzt gewesen" kennengelernt. Damals war ich die Assistentin des Regisseurs. Ihr erstes, phänomenales Soloalbum aus dem gleichen Jahr ist immer noch ein Hammer. Toffi und ich haben es hoch und runter gehört. Wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir sogar den Accapella Sample "Hallo, es wird nicht eingeschlafen!" von Bernadette als Klingelton auf unsere Handys gespielt. Wir waren im Wahn.

Mittlerweile ist Bernadette Mutter geworden und von Hamburg nach Berlin gezogen. Sie hat den produzentinnen Style: überall die Finger im Spiel. Oder wie es Eddie Monsoon aus Absolutely Fabulous nennt: "Got my fingers in lots of pies. Eddie Pie Hands!". So hat Bernadette seit 2002 das großartige Album von Parole Trixie produziert, ein Hörspiel geschrieben und aufgenommen, ist mit Ihrer Theatergruppe und dem Stück "Alles muss man selber machen – zum Beispiel Globalisierung" aufgetreten, war am Ladyfest Hamburg beteiligt, und und und. Vor ihren Soloalben war Bernadette Sängerin und Gitarristin bei "Die Braut haut ins Auge". Man sagt auch liebevoll "Die Braut".

Zur Veröffentlichung ihres zweiten Soloalbums La Beat habe ich ein bezauberndes Gespräch mit Bernadette geführt.

Bernadette La Hengstdie produzentin: Dein erstes Album ging etwas mehr in die R&B Richtung, La Beat (ich liebe den Titel) ist elektronischer geworden. Zudem gibt es neue Instrumente, Streicher, Country-Gittare und Gospel Chor. Wie kam es dazu?

Bernadette La Hengst: Ich hab natürlich lange dran gesessen (meine Zeit zwischen den Alben hat sich mittlerweile auf drei Jahre eingespielt, schneller schaffe ich es nicht), und da sind wieder mal soviele Ideen in der Luft herum geschwirrt, daß es schwierig war, alles unter einen Hut zu kriegen. Wenn du meine letzte Platte mehr R&B fandest, dann würde ich meine jetzige Platte als R&LaB bezeichnen. Ich schreibe zwar immer noch Songs und keine Tracks, aber meine Mittel werden schon immer elektronischer.
Das liegt wahrscheinlich auch an der Produktionsweise, denn diese Platte habe ich alleine am Computer aufgenommen, bei der letzten hatte ich einige Samples mitgebracht und die Instrumente gespielt, aber aufgenommen hatte es damals Swen Meyer (ein sehr guter Hamburger Produzent, der übrigens mittlerweile die meisten Grand Hotel Van Kleef Alben produziert, die ich allerdings inhaltlich langweilig finde). Dadurch daß die Produktionsmittel in meinen Händen sind, wird auch der Sound, das Klangspektrum zu einem neuen Instrument. Ich bin ja nicht in der Disco musiksozialisiert, also, ich hab zwar immer gern getanzt, aber nie in Techno oder House Clubs, daher ist es für mich ein Herantasten an moderne Tanzmusik, die für mich Ausdruck ist von Energie, von Stolpern, Widersprüchen, sich in Frage stellen, Zitaten, etc. Diese Energie kann im Moment Rockmusik für mich nicht transportieren, da fühle ich zuviel Geschichte, die einfach so übernommen wird ohne etwas neues auszuprobieren. Daher wohl auch der Bezug zur Elektronik.
Dennoch liebe ich immer noch den klassischen Song, als Folksong, als Gospel, als Country oder Chanson, das alles ist auch auf der Platte zu hören, nur teilweise in anderem Kleid. Und nicht zu vergessen, der Coproduzent von "La Beat" ist Ekkehard Ehlers, der mich immer zu mehr Tief-Bass getrieben hat, und die Snare Klänge angezweifelt hat, so daß ich ihm natürlich auch einen Teil des modernen Soundspektrums anrechnen muß. Er hat ein sehr gutes Gespür für Tanzmusik mit melancholischem Grundgefühl, da haben wir uns sehr gut ergänzt.

die produzentin: Auf dem neuen Album singst du viel über Glück. Es gibt den Song "Wer hat das Glück versteckt?" und in der wunderbaren Ballade "Zug ohne Bremse" singst Du: "Das Glück kommt immer genau dann, wenn man noch nicht bereit ist, doch ich habe keine Angst vor einer neuen Zeit." Hast du das Glück gefunden oder ist es zu dir gekommen?

Bernadette La Hengst: Oh, das Glück ist leider so oft immer dann wieder verschwunden, wenn man gerade dachte, man hält es in seinen Händen fest. Ich kann mir einfach nie sicher sein, das ist auf der einen Seite ein sehr privates Lebensgefühl, daß ich immer wieder versuche zu beschreiben, daß aus Schmerz Veränderung wird, und man diese Bewegung braucht, um ein wacher und vielleicht auch glücklicher Mensch zu sein, auf der anderen Seite sehe ich es auch als Weltbeschreibung.
Wir Westeuropäer und andere privilegierten Menschen aus sogenannten demokratischen Ländern sind mit einer Sicherheit aufgewachsen, die andere Menschen aus zerrisseneren und ärmeren Ländern nicht kennen. Das einzige, was uns wirklich aus der Bahn wirft, sind Naturkatastrophen und terroristische Anschläge, und das zeigt dann wiederrum, wie verletzlich alle Menschen sind und damit auch ihre politischen Systeme. So wie vielleicht auch die Geburt und der Tod eines Menschen das eigene Leben verunsichert und damit auch ganz viele Türen aufmacht, denke ich, sollte der Allgemeinzustand sein: Schmerz und Verunsicherung zulassen, in geistiger und körperlicher Bewegung bleiben, sich nicht abfinden mit dem was von uns erwartet wird.

die produzentin: In der intro sagst Du "Kollektivität ist ein Thema des Albums", wie es in dem funky "Copy Me (I Want To Travel)", mit den Gastmusikern, Samplen und Verweisen zum Ausdruck kommt. Was sind deine beliebtesten Reiseziele? Und ist der Song auch Kritik am Musikgeschäft und pro-mp3-Tauschbörsen?

Videodreh: Der beste Augenblick
Where is the real B.?
Becoming B.
Finally, Bernadette.

Bernadette La Hengst: Natürlich ist der Song auch eine Kritik am Musikgeschäft, bzw. an der Angst davor was passiert, wenn sich Leute etwas nehmen ohne dafür zu bezahlen, weil die digitale Technik mittlerweile soweit ist, daß sich eine Kopie nicht mehr vom Original unterscheidet und zugänglich gemacht wird. Es ist ein Lied über den Freiheitsdrang von Ideen, die man nicht mit Gesetzen aufhalten kann. Auf der anderen Seite halte ich es für wichtig, auf die Wurzeln und die Geschichte von Ideen hinzuweisen, denn alles was ich tue, ist immer nur eine Weiterführung von etwas, was schon jemand anderes gesagt, getan oder aufgeschrieben hat. Das wird mir immer klarer, je länger ich Musik mache und mich politisch engagiere. Dasselbe trifft ja auch auf Software zu oder auf die Privatisierung von anderen Allgemeingütern wie Wasser oder das Wissen über pflanzliche Wirkstoffe, etc. Es geht immer darum, wer ein Interesse daran hat, aus einem sogenannten "kollektiven geistigen Allgemeingut" ein privates Eigentum zu machen und daraus Kapital zu schlagen.
Der Titel von "Copy me (I want to travel)" ist ja von Rhythm King & her friends geliehen, (Copy moi, je veux voyager), die ihn ihrerseits von einer bulgarischen Internetpiratin aus den 80ern geliehen haben, die ein eigenes Betriebssystem entwickelt und Viren in der Welt verschickt hat mit dem Untertitel "Copy me I want to travel". Die Geschichte des Titels ist also schon die Weiterführung des Inhalts. Das macht Spaß und Sinn und tanzt durch die Welt.
Meine Reiseziele zur Zeit sind allerdings relativ nahe, diesen Sommer war ich drei Monate in der Nähe von Berlin auf dem Land, was für mich und meine Tochter wesentlich entspannter war als eine Weltreise zu unternehmen, aber ich denke, nächstes Jahr fahren wir auf jeden Fall nach Südfrankreich in die Gascogne zu Freunden und nach Griechenland mit dem Kunst/Performance/Fußball Projekt Unos United.

die produzentin: Ich hatte ja gehofft, dass ich auf dem Album den Live Hit, der sich um Sms und Handy dreht, wiederfinde. Wird er jemals veröffentlicht?

Bernadette La Hengst: Den hatte ich fast vergessen (ich nannte ihn Mobile phone), ist ja auch ein Lied über das Reisen, oder über Einsamkeit in der Fremde. Irgendwie paßte es nicht mehr auf die neue Platte, allerdings habe ich vor 1 1/2 Jahren mal eine neue Version davon zusammen mit Ekkehard Ehlers gemacht, das muß ich mir nochmal anhören, wir wollten immer zusammen eine Maxi rausbringen, wer weiß, vielleicht passiert es ja noch?

die produzentin: Sehr gut und auch lustig finde ich die Bohemian-Rhapsody-Melodie-Minute und zugehörigen Text (Mama, mein Leben fängt nun an und irgendwann dann brauch ich dich nicht mehr.) in Rockerbraut & Mutter.

Bernadette La Hengst: Anscheinend haben die meisten Leute ja Angst vor Queen, obwohl Bohemian Rhapsody wirklich eins der durchgedrehtesten Rockstücke der Musikgeschichte ist. Ich glaube, ich kann nicht genau erklären, warum ich dieses Zitat genommen habe, es flog mir so in den Kopf, weil ich in dem Lied "Rockerbraut & Mutter" ein Zwiegespräch zwischen meiner Tochter und mir haben wollte, und nicht einen einseitigen Monolog, dem meine Tochter dann gnadenlos ausgeliefert ist. Sie sollte auch sprechen und zwar aus der Sicht des Mädchens, die genauso wild leben will und eigenständig sein will, wie ich das immer wollte (so wie der durchgedrehte Freddy Mercury in Bohemian Rapsody). Denn die andere Seite von dem Mutter sein und gleichzeitig sein Ding machen, seine Träume verwirklichen, ohne dabei zu so einer Überfrau/Superwoman zu werden, ist ja auch, daß ein Kind irgendwann weggeht, und dann hat man keine Entschuldigung mehr dafür, daß man sein ganzes Leben auf das Mutter sein umgestellt hatte. Spätestens dann wird klar, was man eigentlich sonst noch vom Leben will.
Es gibt nicht viele Lieder, die von diesem Dilemma handeln, es gibt auch für mich bis heute kaum Role Models, die mir vormachen könnten, wie man das zusammen kriegt: Rockerbraut & Mutter sein. Die Vorzeigefrauen sind nicht meine Tasse Tee (Sarah Connor, Claudia Schiffer oder Madonna), außerdem können sie sich Kindermädchen leisten, die mit ihnen durch die Weltgeschichte reisen. Ansonsten wurde/wird das Elternsein in der Kunst meistens außen vor gelassen, es gehört zu einer emanzipierten Frau, darüber nicht zuviel Worte zu verlieren, sonst wird man gleich als sentimentale oder beschränkte Frau abgestempelt.

die produzentin: Einige deutsche Bands haben super House/Elektro – Remixe von ihren Songs veröffentlicht: Blumfeld, Tocotronic und vor kurzem, ganz grossartig, Jens Friebe. Rhythm King And Her Friends haben es auch gemacht. Ich bin immer für Remixe. Einige deiner neuen Songs bieten sich an, in den Clubs gefeiert zu werden, Hunger oder Copy Me würden meiner Meinung nach ganz oben auf der Liste stehen. Wann kommt Deine Remix EP?

Bernadette La Hengst: Ich hab schon darüber nachgedacht, und werd es auch weiterhin tun, vielleicht zum Anfang des nächsten Jahres…

die produzentin: In 2002 hast du als Produzentin an "Die Definition von Süß" von Parole Trixie gearbeitet. Für mich eines der besten deutschen Rockalben. Ich würde gerne behaupten, ich bin Parole Trixies größte Fanin. Leider hat sich die Band aufgelöst und insofern bringt mir das Groupie getue nix mehr. Gibt es eine neue Band oder Künstler/Künstlerin die Du produzierst?

Aus dem PrivatalbumBernadette La Hengst: Da ich die letzten 2 Jahre mein eigenes Album produziert habe und auch noch beim Schwabinggrad Ballett (meinem Agit Prop Straßentheatermusik- Kollektiv, rausgekommen im Mai 2005) mitproduziert habe, war nicht viel Zeit für andere Bands, aber es freut mich natürlich sehr, daß du großer Parole Trixi Fan bist, ich finde die Band auch total unterschätzt, war halt vielen zu anstrengend.
Ich hab Anfang des Jahres 2 Stücke einer ganz jungen Mädchenband aus Hamburg produziert, sie heißen MisRaten und sind schon toll für ihr Alter (zwischen 14 und 17). Mal sehen, ob da noch was passiert. Aber ich wohne ja jetzt in Berlin und hoffe, daß mir da demnächst mal was über den Weg läuft, was mir Spaß machen würde, ich halte meine Ohren offen.

die produzentin: Welche aktuellen deutschen Bands oder Sänger/Sängerinnen aus dem Rock-/Pop-/R&B/was-auch-immer-für-ein-Genre findest du spitze?

Bernadette La Hengst: Rhythm King & her friends mag ich sehr, sie sind sehr experimentierfreudig und trotz ihrer politisch-feministischen Grundhaltung immer auch sehr abstrakt-künstlerisch, ich bin gespannt auf ihre nächste Platte. Und dann bin ich großer Fan von Kevin Blechdom, vor allem live ist sie eine echte Bühnensau, die gnadenlos alles verwurstet, was sie vorfindet und zu ihrem eigenen Stil macht, den ich jetzt mal nenne "elektro-Musical fürs Irrenhaus". Mit beiden würde ich gerne mal ein Lied zusammen machen, oder etwas von ihnen produzieren.
Leider finde ich die meisten aktuellen Sänger/Sängerinnen, die deutschsprachige Popmusik machen, extrem langweilig. Besonders die Damen sind eine echte Enttäuschung, da wird wieder auf Nummer sicher gegangen, handgemachte, bodenständige Rockmusik, die noch nicht mal richtig rockt, mit uninspirierten Texten über die eigene kleine Welt. Gerade die Frauen sollten doch Pionierinnen sein, andere Wege beschreiten, und nicht in die langweiligen Fußstapfen der Männerwelt treten.

die produzentin: Wer ist der/die beste Musikproduzent/in?

Bernadette La Hengst: Missy Elliott, aber leider war ich vom letzten Album enttäuscht. Rick Rubin.

die produzentin: Was ist das beste Album, das jemals aufgenommen wurde?

Bernadette La Hengst: Ich kann dir nur meine 11 Lieblingsalben nennen (ohne Reihenfolge), aber auch das stimmt nicht für die Ewigkeit):
Velvet Underground: Das Bananen Album
Randy Newman: Little Criminals
Carole King: Tapestry
Le Tigre: Feministic Sweepstakes
Johnny Cash: American Recordings
Can: Cannibalism
Fehlfarben: Monarchie und Alltag
PJ Harvey: To Bring You My Love
Bob Dylan: Highway 61 Revisited
Missy Elliott: So Addictive
Ton Steine Scherben: Keine Macht für niemand

La Beat holt man sich am Besten bei Trikont. Unter dem Link gibt es eine Live Version von Copy Me zum runterladen und Tourinfos. Oder bei Amazon.
Ausschnitte von allen Songs gibt es bei indigo.

Update: Jetzt alle Informationen und Downloads unter www.lahengst.de

2 comments on “Bernadette La Hengst

  1. jenni

    was für ein tolles interview!! jetzt bin ich nochmehr fänin von bernadette (natürlich auch von der produzentin…) das neue album ist auch krasskool!

  2. Pingback: Excessive Sound

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