Texte zur Kunst #56, Dezember 2004 | Mode

Texte zur Kunst Nr. 56In der Texte zur Kunst #56 / Mode wurde ein Artikel von mir über Bernhard Willhelm veröffentlicht.

In der Ausgabe ist außerdem ein Interview von Jutta Koether mit Karl Lagerfeld abgedruckt. Auf einen längeren Fragenblock von Jutta Koether antwortet der Designer: “Alle Ihre Fragen in Ihren langen Fragen haben etwas Wahres. Gleichzeitig ist es aber simpler.”

PLOPP! | Über Bernhard Willhelm

LandschaftspulliAngefangen hat es mit einem Bild, das ich bei meiner Freundin Steffi gesehen habe. Sie hatte es von Claus Richter zum Geburtstag geschenkt bekommen. Auf dem Bild sind verschiedenfarbige mittelgroße Punkte zusammen mit dem Schriftzug PLOPP abgebildet.

Auf meine Frage, was es mit der Kollage auf sich habe, erklärte mir Steffi, dass sie ein Ensemble aus der Bernhard Willhelm Winterkollektion 2000/2001 sehr gerne mochte. Es handelte sich um einen Rock mit appliziertem PLOPP Schriftzug. Dazu gehörte ein weißer Pullover mit grünen Punkten auf der Vorderseite. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich von dem in Ulm geborenen Designer nichts gehört oder gesehen und konnte die Begeisterung nicht wirklich nachvollziehen.

Dann kam der Tag, an dem ich Bernhard Willhelm Landschaftspullis in einem Schaufenster sah. Die Mode gefiel mir überhaupt nicht. Ich musste mit Steffi telefonieren. Konnte unsere Meinung so verschieden sein?

M: Ich habe grade diese Bernhard Willhelm Landschaftspullover gesehen. Sowas Kleinkariertes, extrem spießig, schrecklich langweilig.
S: Waaaaaassss???? Die sind doch total toll!
M: Und außerdem, wo präsentiert der überhaupt seine Kollektionen?

Das war offensichtlich keine Basis für eine Unterhaltung über Bernhard Willhelm. Steffi lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. Ich hatte nichts verstanden und offensichtlich den Knall nicht gehört.

Ein paar Tage später. Schon während des Aufwachens ließ mich ein Gedanke nicht mehr los. Ich wusste nicht woher er kommt und konnte mich nicht wehren. Kaufe den Landschaftspullover. Kaufe den Landschaftspullover. Ich war plötzlich von der Mode überzeugt! Das bin so ich! Sofort überkam mich Angst: was ist, wenn der Pullover in meiner Größe schon verkauft ist?

Am gleichen Abend traf ich mich mit Steffi in der Boutique. Wir fühlten uns wie bei Jeremy’s, dem Geschäft, in dem Patsy in der 5. Staffel von Absolutely Fabulous arbeitet. Mehr Krankenhaus als Shop. Der Pullover war schnell angezogen und ich glücklich. Wir schauten uns noch die Bilder der Modenschau an. Als ich das Model mit meinen Pullover entdeckte, sagte ich:
Super, dass sieht ja aus wie bei mir!
Die Verkäuferin: Naja, fast.
Den Laden gibt es heute nicht mehr.

Mittlerweile habe ich eine sehr gute Boutique gefunden: Heimat in Köln. Die beiden Besitzer, Andy und Andreas, sind Modefans. Der Funke der Begeisterung sprüht bei jedem Besuch sofort über. Und die Belohung erfolgt anschließend, denn wenn ich Bernhard Willhelm trage, Ernte ich Komplimente. Das ist einer der Besten Gründe um moderne Mode zu tragen.

Ein weiterer wichtiger Grund um diese Mode zu tragen ist ganz einfach Freude. Freude an den T-Shirts, Hosen, Blusen, Pullovern, Schuhen, Röcken. Und an den immer viel beachteten und erwähnten Details. Freude über die Schnitte, die bei keinem anderen Designer zu bekommen sind. Am Kleiderhaken wirkt die Mode manchmal unförmig, verschnitten und nein, dass passt nicht zu mir.
Hier gilt es die erste Schwelle zu überwinden: Anprobieren. Das ist viel wichtiger als bei den Standardschnitten aus dem Konfektionskaufhaus. So gewinnt eine Bernhard Willhelm Bundfaltenhose, wenn man sie anhat. Die Bundfaltenvorurteile sind im Nu verschwunden. Die Mode bringt den Träger dazu, die eigenen Beschränkungen zu überwinden, flexibler zu sein.

Natürlich ist es nicht nur aufgrund der Schnitte schwierig, sich an die Outfits ranzutrauen. Sie scheinen oft gar nicht in den Alltag zu passen. Frauen in Gespensterumhängen oder bizarr gemusterten Capes, Männer in Hosen und Oberteilen mit Evil Clown Gesichtsaufdruck. Harlekin Strumpfhosen für alle Geschlechter. Applizierte oder gestrickte deutsche Idylle. Wer hierbei am Anfang nicht ins Zweifeln kommt, muss in den 80ern komplett in Gaultier gekleidet gewesen sein oder sich extrem schnell auf etwas einlassen können.

Ich finde jedoch nicht, dass es nur mit Mut zu tun hat, diesen neuen Stil auszuprobieren, sondern hauptsächlich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit beim Tragen. Und diese Selbstverständlichkeit kostet Überwindung. Selbst wenn ich den Landschaftspullover, der mir mittlerweile nicht besonders (aus dem Alltag) ausgefallen erscheint, trage, bekomme ich von den Mitmenschen ab und zu komische Blicke zugeworfen. Das macht mir noch mehr bewusst, dass diese Mode raus auf die Strasse und rein in die Köpfe muss. Je mehr Harlekins in den Städten zu sehen sind, desto selbstverständlicher wird es für die Zweifler sich ihrer Carhartt und H&M Uniformität zu entledigen. Das Designerteam Jutta Kraus und Bernhard Willhelm sollten Karl Lagerfeld folgen und eine Kollektion für H&M entwerfen.

Mit einer organisierten Kaffeefahrtgesellschaft fuhr ich im Juli 2003 zur Bernhard Willhelm Ausstellung nach Kraichtal. Herzlichst wurden wir von Frau Blickle begrüßt.
In der Ausstellung waren hauptsächlich Kleidungsstücke der damals aktuellen Sommerkollektion 2003 (die es schon seit Januar 2003 in den Boutiquen zu kaufen gab) auf rudimentären Lattenhäusern und Absperrungen zu sehen. Die präsentierten Entwürfe durften in diesen Räumen nicht angefasst oder gar angezogen und am eigenen Körper bewundert werden, was bei mir schnell zu dem Eindruck führte, dass die Mode in der Umgebung nicht funktionierte und in den Boutiquen viel besser aufgehoben ist.

Daher fand ich die Videos der bisherigen Kollektionen in der Ausstellung am Interessantesten. Durch sie wird die Mode verständlicher, denn hier war sie so präsentiert, wie es sich Jutta Kraus und Bernhard Willhelm vorgestellt haben. Die Herren Winterkollektion 2003/04, die für mich unter dem Motto Frankfurter Konstablerwache meets High Fashion stand, und unter anderem rosa-hellblaue Patchwork-Rautenhosen im Joggingschnitt anbietet, wurde von jungen Männern aus der Banlieue von Paris vorgeführt. Manche von ihnen sollen nur nach gutem Zuspruch in die farbenfrohen, verspielt lustigen Kreationen reingeschlüpft sein. Man kann nur hoffen, dass die so zu Models gewordenen Männer die Entwürfe behalten durften und den neuen Flair in die Vorstadt getragen haben.

Bei den Bernhard Willhelm Kollektionen habe ich oft das Gefühl, die nächste Saison ist wieder fabelhafter. So auch bei den Herren für den Sommer 2005. Die wiederkehrenden Harlekin Assoziationen, japanischen Hosen und die Farbigkeit stehen in starkem Kontrast zur Sommerkollektion 2004, die grau/weißen Militarylook mit DDR Ampelmännchen und Hermes ähnlichen Mustern propagierte.

Wie in den meisten vorangegangenen Kollektionen, haben die Entwürfe für Männer und Frauen Erfrischenderweise ganz unterschiedliche thematische Anknüpfungspunkte. So werden in der Damenkollektion Sommer 2005 neben herrlichen Walla-Walla Kleidern und Blusen, mit besonders ausgefallenen Schnitten, tolle 50er Jahre Kostüme in aufwendig Marine-gemusterten Stoffen vorgestellt, deren Anker-Knöpfe einen kleinen Unverständnisschock auslösen könnten. Aufgrund der Schwangerschaft von Jutta Kraus gab es diesmal keine Modenschau, sondern ein Kaleidoskop-Effekt beladenes, wunderbares Video zu der Musik von Guns N’ Roses, Sweet Child O’ Mine:

She’s got a smile that it seems to me
Reminds me of childhood memories
Where everything
Was as fresh as the bright blue sky

She = Bernhard Willhelm Fashion. Und damit treffen es diese Zeilen genau auf den Punkt. So ist die Mode und das Gefühl Bernhard Willhelms’ und Jutta Kraus’ Entwürfe zu tragen.

Bernhard Willhelm Top 4 Bernhard Willhelm Flop 2
Die nächste Kollektion Fantastische 4 Intro Cover Oktober 2004
Alle Harlekin Clown Landschaft Tier Assoziationen e15 Tisch
Pumps mit Luftballonmuster Damenkollektion Herbst/Winter 2003/04
Cape Damenkollektion Herbst/Winter 2004/05

Texte zur Kunst

One comment on “Texte zur Kunst #56, Dezember 2004 | Mode

Leave a Reply